Zerfall
Eindrücke sprechen mich an, ohne dass ich darauf reagieren kann.
Der Verstand, er will keinen Stau, dann fährt unverdauten Eindrücke in einen Boxenstop und sie verschwinden aus meinem Blickfeld.
Der Eindruck aber arbeitet weiter, stellt Verbindungen zu alten Eindrücken her, arbeitet alles zu einem schrecklichen Traum um:
"Die ersten Bilder des Traumes schleichen sich an meinem Gedächnis vorbei.
Das Fach bleibt leer, die Vorgeschichte bleibt aus.
In der nächsten Sequenz bin ich mit meiner Freundin in einem weiß gefließten Raum. Sie ist schwer krank, ich habe ihre Pflege übernommen.
Sie steht mir nah.
Sie liegt mir am Herzen.
Ihr Leid, es nagt an auch an meiner Substanz.
Es hat sie arg erwischt, sie ist geknickt.
"Laß den Kopf nicht hängen" ich muntere sie auf.
Ich weiß, was ich sage, ist eine Farce. Ich sehe sie verstohlen an und hoffe, sie kann mir meine Ohnmacht nicht ansehen. Nach außen strahle ich Optimismus aus, während innerlich die Verzweiflung an meiner Substanz nagt.
Ich hoffe auf Ablösung meiner Pflege, ich muß mich erholen, einen neuen Stapel Substanz in Ruhe nachwachsen lassen.
Flüchtig sehe ich meine Freundin an, tue so, als hätte sie eine leichte Grippe. Über die Haut, die die Knochen zusammenhält sehe ich hinweg. Den Anblick ertrage ich schon lange nicht mehr.
Ihr Kopf hängt tief über das Waschbecken, viel zu tief.
"Hebe deinen Kopf" bitte ich sie. Kritisch sehe ich die oberen Halswirbel an, sie dehnen sich schon viel zu weit auseinander. Meine Freundin nickt in dieser Haltung mit zu, verändert sie aber nicht.
"Du mußt deinen Kopf heben" sage ich schon etwas schärfer im Ton. Dieser Ton, er verursacht mir Schmerzen.
"Ja" antwortet meine Freundin mit schwacher Stimme "aber mir fehlt die Kraft, den Kopf zu heben. Er ist so schwer geworden"
Vor Ohnmacht frißt die Verzweiflung an meiner Substanz, wie in aufgeregtes Mädchen an den Fingernägeln. Oh mein Gott, was soll ich nur mit ihr machen? Ihr Kopf hängt zu tief, ihre Knochen sind schon sehr mürbe von der Krankheit.
Ich kann meine Freundin nicht länger mit meinen Ermahnungen quälen, mir fehlt die mentale Kraft, schalte den Hebel auf Grippe um.
Der schwereKopf zieht den Oberkörper weiter nach unten. Mehr hängend als gebeut steht meine Freundin am Waschbecken. Besorgt sehe ich auf die auseinander gedehnten Wirbelknochen im unteren Rücken an. Die dünne Haut wird sie nicht mehr lange zusammenhalten können.
"Richte dich auf" bitte ich meine Freundin. "Du stehst zu weit nach vor gebeut, dass ist nicht gut für deinen schwachen Rücken" will ich begreiflich machen, hoffe auf ihre Mitwirkung.
"Ja" antwortet sie mir wieder mit schwacher Stimme "du hast Recht" und bezeugt mir ihre Mitwirkungsabsicht. "Aber ich habe keine Kraft mehr , mich aufzurichten" Die Verzweiflung knappert weiter an meiner Substanz. Sie ist bis auf eine hauchdünne Schicht aufgebraucht und zerbrechlich wie ein ausgetrockenes Blatt geworden.
Ohnmächtig greife ich nach dem Umschalter für Grippe und helfe meine Freundin bei der Morgentoilette. Ich fürchte, mein innerer Aufschrei schallt von den Fliesen des kalten Raumes aus allen Ecken wieder zurück.
Die Morgentoilette ich beendet, ich habe das Handtuch nicht zur Hand, muß es noch schnell vom Hacken holen. Er ist nur 2 Meter vom Waschbecken entfernt.
Ein paar Schritte, ein Griff zum Handtuch.
Qäulende Aufschreie gehen in mehreren dumpfen Geräuschen unter.
Blitzschnell drehe ich mich um.
Grade sehe ich noch, wie sich der Rumpf meiner Freundin vom Unterkörper löst. Er fällt am Beckenrand herunter, in dem schon der abgelöste Kopf mit weit aufgerissenen ängstlichen Augen liegt.
Ich schreie so laut ich kann, aber der Aufschrei kann den Verfall ihres Körpers nicht mehr aufhalten.
Stückweise zerbricht er vor meinen Augen und mit ihm meine nur noch hauchdünne Substanz.
Für einen Moment möchte ich an der Stelle meiner Freundin sein, dann müßte ich mir das grauenvolle Bild ihres zerbrochenen Körpers nicht ansehen.....

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