Tornado

Tornado

Ausnahmen bestimmen nicht die Regel und fallen daher aus dem alltäglichen Rahmen. Sie prägen sich ein, wenn sie so weit unter die Haut gehen, dass sie dabei sogar das Gemüt erfassen.

Ein Ausnahmezustand bringt das Gemüt in eine Rotationsbewegung eines Tornados, in dessen Kern sich eine unheimliche Stille erleben läßt.

Der Sturm in der Ruhe läßt sich nur erahnen. Erahnen läßt sich auch nur die Bewegung, die dann in kürzester Zeit ins Leben kommt, die das normal Maß übersteigt.

Das was ich vor dem Ausbruch als informations- und gedankenlose Ruhe wahr nahm, wechselte nach dem Ausbruck des Sturms in ein Überangebot an Emotionen.

So löste manchmal tornadoartige Gemütsbewegungen ein einziger Satz aus. Wie ein Windrad brachte er Bewegung ins Leben und ins Gemüt. Überschlagende Gedanken, die sich wie hohe Wellen auftürmten und mich zu überschwemmen drohten:

"Der zurückliegende Stress der letzten Monate höhlte mich wie Parasiten einen jungen aufstrebenden Baum aus. Äußerlich war ich die Selbe, innerlich jedoch nur eine weiche wattige Masse, die nur noch dazu taugte, die hohle rauhe Schale auszufüllen, damit sie bei dem leisesten Windzug nicht umfiel.

Die Parasiten, sie fraßen und fraßen sich durch meine Haut in mein Gemüt, das vor dem Stress noch die kindliche Naiviät eines Dorfkindes besaß.

Die Überempfidlichkeit, die ich durch ihren Verlust besaß, belastete mich. Sie lies jeden leisen Satz der anderen zu einem Brüller werden.

Das war die Zeit, als ich schmerzvoll lernen mußte, das nicht jeder Mensch, der nett zu mir war, auch ein netter Mensch ist. In einer Krisensituation nahmen einige von ihnen ihre Masken ab und präsentierten mir gnadenlos ihr wahres Gesicht. Sie verwandelten sich vor meinen Augen zu hemmungslosen Raubtieren, die sich auf angeschlagenes Wild warfen, es auseinanderrissen und das, weil es ihnen Genuß versprach.

Das war die Zeit, in der ich ein Katzenmiauen von einem Löwengebrüll nicht mehr unterscheiden konnte. Die Überempfindlichkeit der freigelegten Nerven hatten meine Unterscheidungsfähigkeit zu einem Wrack gemacht. Sie war unfähig, Gut und Böse auseinander zu halten.

Zu Tode erschrocken versteckte ich mit hinter meine äußere Schale und verschanzte mich dahinter wie in eine schützende  Höhle. Aber auch sie hatte gelitten und war fast zerstört. Der Gemütstornado hatte nur noch eine haltlose breiige Masse zurückgelassen. Sie nur war noch als Füllung für die rauhe Schale zu gebrauchen.

Das war die Zeit, in der ich der Welt abschwor, der ich mich vor dem Tornado mit einer kindlichen Neugier zuwandte. Ich schwor der Welt ab, um mich zu verstecken und den Rest meines Lebens hinter der rauhen Schale zu verbringen, das wattige weiche Innenleben wieder zu sanieren und zu einer wohnlichen Höhle umzugestalten.

Es war die Zeit, in der ich die feste Absicht hatte, jeden Kontakt mit der Außenwelt zu meiden, da nahm ich ein Telefongespräch, das für mich war, entgegen.

"Ja, hallo?". Eine fremde Stimme, ein freundliche Männerstimme. Sie gibt mir das Gefühl, es klopft mir freundschaftlich jemand auf die Schulter.

"Bist du I... ?"´fragt die fremde Stimme. Die Stimme hatte etwas, was im Sicherheitraum meiner grade geschaffenen Höhle rote Lämpchen aufleuchten lies. Sie blinkten ausgeregt, sie warnten mich "Gefahr in Verzug".

"Ja, ich bin I..." während ich meinen Namen noch einmal bestätige, halte ich meinen Blick auf die Lämpchen, die weiter heftig blinken. Unruhig springen sie von der Stufe "Vorsicht"  bis zu "Alarm".

Die fremde Stimme hatte nicht grade das, was man  sich unter einer angenehmen Stimme vorstellt. Nichts von einer warmen weichen Stimme, wie das wärmende Feuer eines Kaminofens.

Nein, seine Stimme war hell und schrill, wie eine Trompete. Die Stimme hatte etwas, das mich an die Hand nahm. Mit seiner Stimme schwang etwas mit, was mich an mein beschütztes zu Hause erinnerte.

Die fremde Stimme gehörte einen zukünftigen Mitarbeiter, der mit mir noch ein paar organisatorische Fragen vor meiner Arbeitsaufnahme klären wollte. Brav antworte ich auf alle gestellten Fragen, sie Sicherheitslampen springen wie wild die Skala der Warnstufen weiter nach oben.

Der Hörer brennt mir fast in der Hand. Mit den Worten "Nicht schon wieder" lege ich den Hörer auf die Gabel."

Die Stimme, sie muß einen Weg in mein Inneres gefunden haben der außerhalb meiner Kontrolle lag.

"Der Welt entsagen" mein fester Vorsatz.

Jetzt kam der Eindringling über mein Ohr mit seiner Stimme in meine selbstgebaute Festung und verschwand in einem Schlupfwinkel, wie eine Maus , auf Nimmerwiedersehen.

Der Boden schwankte unter meinen Füßen. Die Welt lies sich mit meiner Entsagung nicht so leicht abschütteln, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Der Eindringling verursachte mir Bauchschmerzen. Im Bauch, dort wo sich die Vorahnungen sammeln, dort, wo die Aufregung kribbelt, dort, wo sich die Falter ausbreiten, wenn das Fenster zur Sonnenseite zu weit geöffnet wird. Dabei hatte ich das Fenster zur Sonnenseite fest verschlossen und mit einem Riegel versehen.

Ich war hin und her gerissen, zwischen meinen Vorsätzen und meinen Drang, meinen Vorsatz zu brechen. Ich ging ich ihm aus dem Weg, so oft ich konnte. Ich suchte seine Nähe, so oft ich konnte. In der Freizeit war ich damit beschäftigt, die Mauer, die ich um mich gezogen hatte, zu prüfen. Akribisch genau suchte ich sie nach verdächtigen Rissen ab und flickte sie bei Bedarf.

Dann, irgend wann und wie aus der Pistole geschossen, kam von ihn der Satz: "Dich heirate ich".

Ich sah ihn mit großen Augen an, die Mauer brachen, ein noch nie dagewesener Tornado pfiff mir um die Ohren. Ich bewegte mich wie auf einem Schiff, dass bei Sturm auf hoher See war. Meine Beine stelzten durch die Luft, weil der Boden unter meinen Füßen grade im Wellental war.

Ich sah ihn mit meinen großen Augen an und verlies wortlos den Raum in dem er die Worte sprach. Ich zog mich zurück, in meine Höhle, in der ich für Jahre keinen Frieden fand. Der Tornade rüttelte an den Fensterläden und den Gemäuern. Ích ging abends mit Sturmgetöse ins Bett und wachte am Morgen damit wieder auf..


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