Cruz

Reich der Mitte im Osten

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China ist ja momentan in aller Medien Munde. Es geht um Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, die unterschiedlichsten Meldungen also. Alle objektiv, und alle über China. Da geht es um europäische Politiker, die beim Besuch in Peking gerne über Menschenrechtsverletzungen hinwegsehen, wenn lukrative Wirtschaftsverträge anstehen; oder man erfährt, daß China mit 5-10% Gewichtung ins Depot gehört, als risikoreiches Investment in einem Schwellenland; und die Kulturfans können sich an der Terrakottaarmee ergötzen, die gerade im Siegeszug Mitteleuropa erobert. Lustiger Gedanke: Warum stellen nicht auch die Russen eine Rote Armee aus Terrakotta her? Die stellen wir dann in Leipzig zur Schau, die Terrakottastatuen entpuppen sich als trojanische Pferde, aus denen Soldaten schlüpfen, um Ostdeutschland... oh oh, das droht mir jetzt gedanklich zu entgleiten. Außerdem ist Rußland jetzt eine Demokratie... oder eine Republik... oder so was in der Art... na, auf jeden Fall ist der ex-KGB-Chef ein willkommener Verbündeter gegen den weltweiten Terrorismus.

Aber es geht um China. Auch so ein Kandidat. Damals noch Erzfeind, als ich gerade lernte, wie man Schnürsenkel bindet, und nun also Partner in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Und die Blaumänner wurden alle schön gegen Nadelstreifen eingetauscht. Das soll ja auf Deng Xiaoping zurückgehen, den laufenden Meter mit den großen Visionen. Als der Singapur in den späten 70ern besuchte, kriegte er vor Staunen den Mund nicht mehr zu und sagte sich: "Das kann ich auch." (Muß wohl so ne Streberleiche gewesen sein.) Und in den nächsten Jahren ging es mit China in solch einem rasanten Tempo voran, daß einige Tagträumer sogar glaubten, man wollte jetzt das Volk regieren lassen, mit Menschenrechten und so. Aber Deng wußte es besser und gab die Anweisung, daß Politik schlecht sei und sich daher die kommunistische Partei dieses notwendigen Übels annehmen würde. Die Bürger wolle man mit Politik nicht behelligen. So wie man ja auch die Kanalisation von Fachleuten reinigen läßt. Verantwortungsbewußte Politiker eben. Und um es den Kindsköpfen zu erklären, schickte man 1989 ein paar Jungs vom Militär auf den Platz des Himmlischen Friedens. Soldaten brauchen nicht so viele Worte, sondern lassen lieber Taten sprechen - ganz im konfuzianischen Sinne.

Nach diesem politischen Frühling in den 80ern gab es einen wirtschaftlichen Frühling in den 90ern. Wer braucht schon Freiheit, wenn man im Luxus leben kann? Das war die Devise, die auch heute noch gilt. Demokratie ist was für Querulanten.

Und dann die gestrige Meldung: Entführungen in China boomen! Gab es in China im Jahre 1985 gerade mal 12 Entführungen, so waren es 2004 immerhin 3863 Fälle. Das ist eine Performance von 33% jährlich! (Wer's nicht glaubt, kann ja nachrechnen.) Die Entführungen sollen auf das Konto von organisierten Banden gehen - und das wörtlich, denn man fordert ja Geld und nicht die Freilassung der Guantanamo-Häftlinge. Aber wie kommt das? Ist es die Verdrängung der alten Werte und Traditionen (Stichwort Kulturrevolution) durch die Moderne (Stichwort MTV Seventies)? Oder sind es die alten Schergen Maos, die aus "political correctness" die Verschleppung von Konterrevolutionären nun in den Feierabend verlegen müssen? Entführern droht übrigens die Todesstrafe - wie bei so ziemlich allen "Vergehen" in China. Eine Geldanlage in Kidnapping-Equipment ist - im Gegensatz zum Irak - im Schwellenland China eine risikoreiche Spekulation. Die Hemmschwelle, Delinquenten hinzurichten, liegt dafür umso niedriger.

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