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Montag, 23. Januar 2006

Orhan Pamuk

Orhan Pamuks Prozeß wird nicht fortgesetzt. Ein kleiner Sieg für die Meinungsfreiheit ist erfochten. Der türkische Schriftsteller hatte in einem Interview in der Schweiz von einem Völkermord der Türken an den Armeniern gesprochen und war daher wegen "Verunglimpfung des Türkentums" angeklagt worden.

Seit dem 3. Oktober letzten Jahres laufen ja die Verhandlungen um den EU-Beitritt der Türkei. Und es ist erstaunlich, wie selbstbewußt Erdogan auftritt. Als er Ende letzten Jahres nach Dänemark gereist war, nahm er am Ende des Besuchs nicht an der Pressekonferenz teil, da sich unter den Journalisten eine kurdische Reporterin befand. Und wochenlang lief dieser hanebüchene Prozeß gegen einen der angesehensten türkischen Autoren, nur weil dieser eine historische Wahrheit ausgesprochen hatte. Wäre es nicht geschickter, mit solch undiplomatischem Verhalten zu warten, bis man EU-Mitglied ist? Oder steht das Ergebnis jetzt schon fest?

Vor einigen Wochen, vielleicht kurz vor, vielleicht kurz nach dem Jahreswechsel, veröffentlichte die FAZ einen offenen Brief Pamuks. Darin bezog er Stellung zu den Vorwürfen und dem Prozeß, einem Schicksal, das schon viele türkische Intellektuelle teilen mußten. Pamuk schrieb, daß man in der Türkei ein interessantes Phänomen beobachten kann, das es mit vielen anderen aufstrebenden Nationen (darf man sagen: Schwellenländer?) teilt: Die wirtschaftlich und politisch erstarkende Mittelschicht lehnt "westliche Ideen" wie Demokratie und Meinungsfreiheit ab (obgleich man gleichzeitig sehr gerne westliche Technik kauft), ist sich jedoch nicht bewußt, wie eben doch eine westliche Idee, nämlich die des Nationalismus, in die Köpfe der Mittelschicht gelangt. Ein äußerst starker, aggressiver Nationalismus, der einen jede historische und politische Objektivität vermissen läßt.

Dieses Phänomen kannte man bislang nur von Westentaschen-Diktatoren aus der Dritten Welt, die ihren brutalen Machtanspruch mit Sprüchen wie "Afrikaner und Demokratie passen nicht zusammen" nicht nur der einheimischen Bevölkerung, sondern auch Intellektuellen in der Diaspora verkauften. Nun also findet solches Gedankengut auch Halt in den relativ breiten Mittelschichten der Schwellenländer, also bei Beamten und gutsituierte Bürgern. 

Und auch im Westen gibt es immer wieder Leute, die solche Ansichten unterstützen. Die Idee der Demokratie sinkt ja im Ansehen westlicher Bürger sowieso stetig. Aber auch Intellektuelle, die sich äußerst kritisch geben, verlieren über bestimmte Vorgänge in anderen Teilen der Welt kein Wort. Als der indische Schriftsteller Salman Rushdie durch eine Fatwa des Ayatollah Khomeini mit dem Tod bedroht wurde, fanden sich ernsthaft einige westliche "kritische" Menschen, die sich gegen Rushdie stellten. Er hätte ja wirklich "deren" Tradition beleidigt und außerdem gewußt, worauf er sich einließ... Und dies von Leuten, die vom Schicksal eines Georg Büchner oder James Joyce wissen. Orhan Pamuk wird die Reihe der angeklagten Intellektuellen nicht beschließen.

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Geändert am 23. Januar 2006 um 16:15

Sonntag, 15. Januar 2006

Trinität der Luxuswünsche: Sind Luftschlösser Immobilien?

"Was würden Sie mit einer Million Euro machen?"

Wer kennt sie nicht, diese Frage? Meistens folgt sofort die Trinität der Luxuswünsche: Haus, Auto, Reisen. Nun gut, gerade die letzteren beiden könnte man sich mit einer Million fast schon nebenher leisten. Doch das Haus, das ja als erstes genannt wird, steht als Luftschloß im Raum. Denn eigentlich müßte man davon ausgehen, daß nun demjenigen, der gerade geantwortet hat, schon das konkrete Bild irgendeines Hauses an irgendeinem Ort (Hawaii, Provence, Hongkong) vorschwebt. Hakt man jedoch nach, um den Standort zu erfahren, erhält man oft ein Achselzucken, irgendwo halt. Sollte man sich nicht gerade bei so einer Anschaffung viele Gedanken machen? Denn Häuser werden auch mit dem Terminus Immobilie bezeichnet, und das kann bedeuten: einmal Rendsburg, immer Rendsburg.

Apropos Haus: Ist dann eigentlich ein Schneckenhaus keine Immobilie? Oder ist lediglich die Schnecke stark genug, ihre Immobilie auf dem Rücken zu tragen?

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Geändert am 15. Januar 2006 um 20:08

Donnerstag, 12. Januar 2006

Reich der Mitte im Osten

China ist ja momentan in aller Medien Munde. Es geht um Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, die unterschiedlichsten Meldungen also. Alle objektiv, und alle über China. Da geht es um europäische Politiker, die beim Besuch in Peking gerne über Menschenrechtsverletzungen hinwegsehen, wenn lukrative Wirtschaftsverträge anstehen; oder man erfährt, daß China mit 5-10% Gewichtung ins Depot gehört, als risikoreiches Investment in einem Schwellenland; und die Kulturfans können sich an der Terrakottaarmee ergötzen, die gerade im Siegeszug Mitteleuropa erobert. Lustiger Gedanke: Warum stellen nicht auch die Russen eine Rote Armee aus Terrakotta her? Die stellen wir dann in Leipzig zur Schau, die Terrakottastatuen entpuppen sich als trojanische Pferde, aus denen Soldaten schlüpfen, um Ostdeutschland... oh oh, das droht mir jetzt gedanklich zu entgleiten. Außerdem ist Rußland jetzt eine Demokratie... oder eine Republik... oder so was in der Art... na, auf jeden Fall ist der ex-KGB-Chef ein willkommener Verbündeter gegen den weltweiten Terrorismus.

Aber es geht um China. Auch so ein Kandidat. Damals noch Erzfeind, als ich gerade lernte, wie man Schnürsenkel bindet, und nun also Partner in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Und die Blaumänner wurden alle schön gegen Nadelstreifen eingetauscht. Das soll ja auf Deng Xiaoping zurückgehen, den laufenden Meter mit den großen Visionen. Als der Singapur in den späten 70ern besuchte, kriegte er vor Staunen den Mund nicht mehr zu und sagte sich: "Das kann ich auch." (Muß wohl so ne Streberleiche gewesen sein.) Und in den nächsten Jahren ging es mit China in solch einem rasanten Tempo voran, daß einige Tagträumer sogar glaubten, man wollte jetzt das Volk regieren lassen, mit Menschenrechten und so. Aber Deng wußte es besser und gab die Anweisung, daß Politik schlecht sei und sich daher die kommunistische Partei dieses notwendigen Übels annehmen würde. Die Bürger wolle man mit Politik nicht behelligen. So wie man ja auch die Kanalisation von Fachleuten reinigen läßt. Verantwortungsbewußte Politiker eben. Und um es den Kindsköpfen zu erklären, schickte man 1989 ein paar Jungs vom Militär auf den Platz des Himmlischen Friedens. Soldaten brauchen nicht so viele Worte, sondern lassen lieber Taten sprechen - ganz im konfuzianischen Sinne.

Nach diesem politischen Frühling in den 80ern gab es einen wirtschaftlichen Frühling in den 90ern. Wer braucht schon Freiheit, wenn man im Luxus leben kann? Das war die Devise, die auch heute noch gilt. Demokratie ist was für Querulanten.

Und dann die gestrige Meldung: Entführungen in China boomen! Gab es in China im Jahre 1985 gerade mal 12 Entführungen, so waren es 2004 immerhin 3863 Fälle. Das ist eine Performance von 33% jährlich! (Wer's nicht glaubt, kann ja nachrechnen.) Die Entführungen sollen auf das Konto von organisierten Banden gehen - und das wörtlich, denn man fordert ja Geld und nicht die Freilassung der Guantanamo-Häftlinge. Aber wie kommt das? Ist es die Verdrängung der alten Werte und Traditionen (Stichwort Kulturrevolution) durch die Moderne (Stichwort MTV Seventies)? Oder sind es die alten Schergen Maos, die aus "political correctness" die Verschleppung von Konterrevolutionären nun in den Feierabend verlegen müssen? Entführern droht übrigens die Todesstrafe - wie bei so ziemlich allen "Vergehen" in China. Eine Geldanlage in Kidnapping-Equipment ist - im Gegensatz zum Irak - im Schwellenland China eine risikoreiche Spekulation. Die Hemmschwelle, Delinquenten hinzurichten, liegt dafür umso niedriger.

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Geändert am 12. Januar 2006 um 19:58

Erster Eintrag

Mein erster Weblog...

und ich spüre nichts, keine Aufregung, keine Angst vor der ungewissen Zukunft.

Und sehe nur dieses weiße Feld vor mir, das mir alleine zu gehören scheint...

Na, dann mal auf gute Zusammenarbeit.