Orhan Pamuks Prozeß wird nicht fortgesetzt. Ein kleiner Sieg für die Meinungsfreiheit ist erfochten. Der türkische Schriftsteller hatte in einem Interview in der Schweiz von einem Völkermord der Türken an den Armeniern gesprochen und war daher wegen "Verunglimpfung des Türkentums" angeklagt worden.
Seit dem 3. Oktober letzten Jahres laufen ja die Verhandlungen um den EU-Beitritt der Türkei. Und es ist erstaunlich, wie selbstbewußt Erdogan auftritt. Als er Ende letzten Jahres nach Dänemark gereist war, nahm er am Ende des Besuchs nicht an der Pressekonferenz teil, da sich unter den Journalisten eine kurdische Reporterin befand. Und wochenlang lief dieser hanebüchene Prozeß gegen einen der angesehensten türkischen Autoren, nur weil dieser eine historische Wahrheit ausgesprochen hatte. Wäre es nicht geschickter, mit solch undiplomatischem Verhalten zu warten, bis man EU-Mitglied ist? Oder steht das Ergebnis jetzt schon fest?
Vor einigen Wochen, vielleicht kurz vor, vielleicht kurz nach dem Jahreswechsel, veröffentlichte die FAZ einen offenen Brief Pamuks. Darin bezog er Stellung zu den Vorwürfen und dem Prozeß, einem Schicksal, das schon viele türkische Intellektuelle teilen mußten. Pamuk schrieb, daß man in der Türkei ein interessantes Phänomen beobachten kann, das es mit vielen anderen aufstrebenden Nationen (darf man sagen: Schwellenländer?) teilt: Die wirtschaftlich und politisch erstarkende Mittelschicht lehnt "westliche Ideen" wie Demokratie und Meinungsfreiheit ab (obgleich man gleichzeitig sehr gerne westliche Technik kauft), ist sich jedoch nicht bewußt, wie eben doch eine westliche Idee, nämlich die des Nationalismus, in die Köpfe der Mittelschicht gelangt. Ein äußerst starker, aggressiver Nationalismus, der einen jede historische und politische Objektivität vermissen läßt.
Dieses Phänomen kannte man bislang nur von Westentaschen-Diktatoren aus der Dritten Welt, die ihren brutalen Machtanspruch mit Sprüchen wie "Afrikaner und Demokratie passen nicht zusammen" nicht nur der einheimischen Bevölkerung, sondern auch Intellektuellen in der Diaspora verkauften. Nun also findet solches Gedankengut auch Halt in den relativ breiten Mittelschichten der Schwellenländer, also bei Beamten und gutsituierte Bürgern.
Und auch im Westen gibt es immer wieder Leute, die solche Ansichten unterstützen. Die Idee der Demokratie sinkt ja im Ansehen westlicher Bürger sowieso stetig. Aber auch Intellektuelle, die sich äußerst kritisch geben, verlieren über bestimmte Vorgänge in anderen Teilen der Welt kein Wort. Als der indische Schriftsteller Salman Rushdie durch eine Fatwa des Ayatollah Khomeini mit dem Tod bedroht wurde, fanden sich ernsthaft einige westliche "kritische" Menschen, die sich gegen Rushdie stellten. Er hätte ja wirklich "deren" Tradition beleidigt und außerdem gewußt, worauf er sich einließ... Und dies von Leuten, die vom Schicksal eines Georg Büchner oder James Joyce wissen. Orhan Pamuk wird die Reihe der angeklagten Intellektuellen nicht beschließen.
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