oh
So oft meint man am Ende zu sein oder daß alles gelaufen ist, aber dann geht doch noch immer irgendwas, tief drin gibt es da dieses "vielleicht, wer weiß, wenn..." ...und man erwartet ein dröhnendes Krachen aus der Nackengegend, daß einem die Beine wegbrechen, oder man mit überwältigender Wucht gegen eine Wand läuft und fällt und immer weiter fällt, wenn es letztlich so weit ist, aber dann ist da einfach nur ein stilles "oh.", man schaut durch das Fenster, über die Terasse, über den Zaun, ins Nichts, man ist von Ruhe umgeben, die Schritte sind eindrucklos und die Worte klingen nicht mehr richtig und man stellt fest, daß plötzlich etwas nicht mehr da ist, einfach so, kein Schock, kein Lärm, kein Drama, nur ein stilles Bemerken, das sich in einem ausdrucklosen Laut äußert.
Na ja. Der Tag zog sich heute qualvoll lange hin, immerhin konnte ich die Nahrungsreduktion aufrechterhalten, werde aber morgen wieder etwas zu mir nehmen, da ich die körperlichen Probleme schon langsam bemerke.
Morgen geht es zur Psychologin, übermorgen zur Therapeutin und am Mittwoch zur Kontrolle zum Kieferchirurgen.
Ich bin in ein paar Monaten 28 Jahre alt, eine befremdliche Zahl, eigentlich bin ich gerade mal 14 oder 15, im Spiegel sehe ich jedenfalls keinen Mann, und wenn ich lange genug hinschaue ist da auch nichts mehr, nichts das Eindruck macht auf mich. Es ist sehr schade, daß die letzten 12,13 Jahre einfach so vorbeigezogen sind, während ich hier in den 4 Wänden saß, aber ich kann sie leider nicht zurückbekommen und nachholen läßt sich nichts, dafür müßte ich mir klar sein, was ich überhaupt nachholen will, und ich weiß es nicht. Das Erleben, leben, findet im Moment statt, aber dazu fehlt mir die Wahrnehmung, ich habe oft versucht das Jetzt zu spüren, aber da ist nichts, die verlorene Zeit vergiftet alles. Ich würde gerne mehr fühlen können, wie die anderen, aber mehr als so tun als ob passiert leider nicht.
Vielleicht ist das heute auch nur wieder ein Absturz, verstäkt durch den Nahrungsentzug, oder ein Lösungsprozess von Aufgestautem auf den bald Entspannung folgt, aber vielleicht ist jetzt auch alles anders.
Ich habe heute meine Großmutter gefragt, warum sie all die Jahre nie etwas gesagt hat, weil sie im Gespräch meinte sich immer Sorgen gemacht zu haben, was aus mir werden soll, aber nie etwas gefragt oder gesagt hat, nie ihre Sorge all die Jahre geäußert hat und immer zugesehen hat während alles immer schlimmer wurde...und dann wird dieser Mensch in meinen Augen zu einem kleinen verängstigten, verunsicherten Häufchen Elend, daß vor Jahrzehnten schon kaputt ging und meint einfach nur "Ich wollte nicht, daß es Streit gibt." mit der Erklärung, daß sie es nicht möchte, daß man diskutiert, streitet oder dergleichen, sie kann so etwas nicht und hat es auch noch nie gekonnt. Früher als ich klein war, war sie oft grausam und herrisch, heute erscheint sie mir in der Erinnerung eher unsicher und ängstlich in diesen aggressiven Momenten. Vorwerfen möchte ich ihr nichts deshalb.
Während des ganzen Gesprächs hat sie mich natürlich kaum angesehen, sondern immer nur den Fernseher, und während ich da so stand und versuchte zu erklären, daß es vielleicht nicht unwichtig gewesen wäre all die vielen Jahre nur immer daneben zu stehen, während mit mir so viel schief lief und zumindest mal etwas zu sagen, weil ich mich immer mit allem alleingelassen gefühlt und sie als teilnahmslos empfunden habe, da habe ich ganz unvermittelt dieses "oh." wahrgenommen.
Eigentlich hat niemand Schuld, viele Kleinigkeiten wurden nur zu einem unüberwindbaren großen Ganzen denke ich, ich weiß auch nicht genau.
Am Ende meinte sie noch, daß sie jetzt vielleicht mal etwas sagen würde, wenn etwas ist oder sie sich um mich sorgt, aber alles was ich da nur noch zu sagen konnte war, daß ich jetzt 27 bin und eigentlich schon alles gelaufen ist.
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